Ein zweiter Versuch mit Gott? Warum ein neuer Blick lohnt

Laut den Statistiken, die EKD und Deutsche Bischofskonferenz im März 2026 veröffentlicht haben, verloren die beiden großen Kirchen in Deutschland 2025 zusammen rund 1,2 Millionen Mitglieder, durch Austritte und durch Todesfälle. Aus der katholischen Kirche traten etwa 307.000 Menschen aus, aus der evangelischen rund 350.000. Auf der anderen Seite stehen in der katholischen Kirche etwa 5.000 Wiederaufnahmen.

Solche Zahlen erzählen etwas über Institutionen. Über Gott erzählen sie nichts. Wer austritt, hat damit noch nicht mit ihm abgeschlossen, und wer sonntags in der Bank sitzt, hat ihn deshalb noch nicht gefunden. Was in einem Menschen vorgeht, steht in keiner Statistik.

Hinter den Zahlen stecken Geschichten, die einander ähneln. Bei dem einen ist der Glaube zerbrochen, an einer persönlichen Enttäuschung, einem Schicksalsschlag oder an einer Predigt, an der man sich gestoßen hat. Bei anderen ist der Glaube fast unmerklich eingeschlafen, ohne dass ein konkreter Anlass zu finden wäre, wo dies geschehen ist. Und dann gibt es die Menschen, die nie echten Zugang zu Gott hatten und trotzdem eine Neugier mit sich tragen, die sie nicht ganz loswerden. Wenn du dich in einer dieser Geschichten findest, schreibe ich diesen Text für dich.

Ich habe den Kontakt nie verloren und trotzdem gehadert

Ich gehöre nicht zu denen, die Gott aus den Augen verloren haben. Er war für mich immer eine lebendige Realität. Schon als Kind habe ich viel in der Bibel gelesen, und manches darin hat mich irritiert, vor allem im Alten Testament: die viele Gewalt, ein strafender Gott, der zornig auf die Menschen ist. Dieses Bild trug ich lange mit mir herum, obwohl es sich nie ganz stimmig anfühlte.

In meinen Dreißigern und Vierzigern kam etwas dazu, das ich heute fast komisch finde: Ich begann, mit Gott zu hadern. Mein Leben lief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und ich fand das ungerecht. Ich liebte Gott, ich vertraute ihm, und irgendwo in mir erwartete ich dafür eine Gegenleistung. Sie kam nicht. Das hat mich gekränkt. Ich hatte, ohne es zu merken, eine Strichliste geführt, allerdings zu meinen Gunsten.

Das Bild hat sich verändert

In den letzten Jahren ist in mir ein Gottesbild gewachsen, das ziemlich genau dem entspricht, was ich in meinem Buch aufgeschrieben habe. Es fühlte sich befreiend an, und es fühlte sich wahr an, ein Wort, das ich nicht leichtfertig benutze. Gott ist dabei derselbe geblieben. Geändert hat sich das Glas, durch das ich ihn ansah. Wer jahrelang durch eine Brille mit falscher Stärke schaut, hält die Unschärfe irgendwann für die Welt.

Dazu kamen tiefe mystische Erfahrungen vor gut zehn Jahren, über die ich hier nicht schreibe. Sie haben mir gezeigt, dass da mehr existiert, als Verstand und Sinnesorgane zu erfassen in der Lage sind.

Aus Jahren, die teilweise ziemlich weh getan haben, habe ich noch etwas mitgenommen: Manches, das sich anfangs nur falsch anfühlte, entpuppte sich im Rückblick als Wendepunkt. Ich behaupte nicht, dass Gott mir den Schmerz geschickt hat, damit ich etwas lerne. Einen Lehrplan-Gott kennt mein Buch nicht. Aber je klarer mein Bild wurde, desto deutlicher sah ich, dass da jemand die ganze Zeit mein Bestes im Sinn hatte, auch in den Jahren, in denen es sich anfühlte, als hätte er mich vergessen. Das macht demütig.

Für wen sich ein zweiter Blick lohnen könnte

Wenn bei dir etwas zerbrochen ist, dann war es vielleicht das Bild, das du von Gott mitbekommen hast. Dass dieses Bild nicht trägt, sagt noch nichts darüber, wer oder was dahintersteht. Wenn dein Glaube eingeschlafen ist, weil Alltag und Gewohnheit ihn Schicht um Schicht zugedeckt haben: Ein eingeschlafener Glaube ist noch kein erloschener. Manchmal genügt ein offener Moment bzw. eine kleine Bereitschaft, damit er sich regt. Und wenn du nie Zugang hattest, aber neugierig bist: Die Neugier reicht als Anfang. Mehr ist nicht nötig.

Ein zweiter Versuch muss keine Rückkehr sein und keine Entscheidung verlangen. Im Buch sagt Gott einen Satz, der mir dafür den richtigen Ton zu haben scheint:

„Ich bin nicht schwer zu erreichen. Ihr habt mich nur an den falschen Orten gesucht.“

Wer an Orten gesucht hat, die ihm nicht guttaten, bei Predigten voller Drohung oder bei einem Gott mit Strichliste, kann das als Einladung ohne Bedingung lesen. Ich lese es so.

Was bei dir passiert, kann ich nicht versprechen, und ich wäre misstrauisch gegenüber jedem, der das tut. Ich kann nur sagen, dass sich der Blick bei mir gelohnt hat. Er fühlte sich nach Aufatmen an. Pflicht war nicht dabei.

Eine Frage zum Weiterdenken

Welches Bild von Gott hast du irgendwann mitbekommen? Und würdest du es heute noch unterschreiben?

Wenn dich der Gedanke interessiert, dass hinter diesem Bild etwas ganz anderes stehen könnte: Ich habe ihn in meinem Buch „Und Gott sprach: Ihr habt mich gründlich missverstanden“ weiter ausgeführt.

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